Pflanzliche Gerbung ist nicht immer ökologisch: Wir achten genau auf Art und Herkunft der Pflanzengerbstoffe

Dr. Guilhem Mansion
Mo Dez 18 2017

Das 100% natürliche Cervo Volante Leder stammt von Rothirschhäuten, ist frei von synthetischen Chemikalien und Schwermetallen, und deshalb unbedenklich für die menschliche Gesundheit und die Natur.

Cervo Volante hat eine voll-vegetabile Gerbmethode neu zum Leben erweckt. Die Methode beruht auf pflanzlichen Komponenten, sogenannten Tanninen, statt auf toxischen Chrom-Sulfaten welche von 90% der Gerbereien weltweit verwendet werden.

Tannine wirken zwar nicht so stark und schnell wie Chrom, dafür sind sie für den Gerber, die Lederträgerin und die Umwelt vollkommen unbedenklich.

Pflanzenextrakte, Biodiversität, Ledergerber, Gerbstoffe, Pflanzliche Gerbung, Pflanzengerbstoffe
Die Valonea Eiche (Quercus macrolepis) Eichel-Fruchtbecher die in der Türkei von Hand gesammelt werden.

Weil nicht alle Tannin-Quellen gleichermassen ökologisch sind, hat sich Cervo Volante entschieden nur Gerb-Rohstoffe zu verwenden, die die Kriterien der Nachhaltigkeit und des Naturschutzes erfüllen. Zuerst aber etwas Botanik für Lederliebhaber und Weinkenner…

Was sind Tannine?

Tannine sind natürliche Substanzen die mit den Stickstoff-Molekülen von Proteinen eine chemische Verbindung eingehen. Diese seltene Eigenschaft ist in der Lebensmittelindustrie (Weinherstellung, Bierbrauerei), in der Pharmazie (Medikamente gegen Durchfall, Infektionen und Dermatitis) oder eben der Gerberei zur Umwandlung von Rohhäuten in Leder von grossem Wert. Weinliebhaber wissen überdies um die charakteristisch raue Note und Trockenheit, die Tannine einem im Eichenfass ausgebauten Wein verleihen. Übrigens stammt das Wort Tannin vermutlich vom keltischen “Tan” für Eiche. Die Eiche wird seit Jahrtausenden als Gerbpflanze verwendet.

Der Chemiker versteht unter Tanninen phenolische Stoffe, die klein genug sind, um im Wasser gelöst zu werden, und gross genug um mit Proteinen wie den Haut-Kollagen eine feste Verbindung einzugehen. Tannine sind Sekundärstoffe mit oft fürchterlich komplizierten Namen wie “Hexahydroxydiphenoyl Ester“, „Proanthocyanidin“ oder „Phloroglucin“.

Wo kommen Tannine vor?

Tannine kommen natürlicherweise in vielen Pflanzen vor und reichern sich vor allem in deren Wurzeln, Rinden, Blättern oder Früchten an und erreichen dort Konzentrationen von 2-5% des Frischgewichts. Für Pflanzen sind Tannine Insektenabwehr-Mittel, denn Tannin-reiches Grünzeug ist für Insekten schwer verdaulich. So kann sich eine Pflanze mit der lokalen Produktion von Tanninen z.B. gegen Insektenfrass an einem Blatt wehren. Einige Pflanzen wie die Eiche oder der Sumach produzieren extrem Tannin-reiche sogenannte Pflanzen-Gallen oder Galläpfel nachdem Insekten ihre Eier ins Pflanzenblatt abgelegt haben. Hier kann die Tannin-Konzentration bis auf 70% ansteigen!

Heutzutage verwendet die Gerbindustrie überwiegend Rinden und Hölzer verschiedener Bäume für die Herstellung von Pflanzengerbstoffen. Die Tannine reichern sich in Rinde und Holz an um dort als chemische Barriere gegen schädliche Mikroorganismen zu wirken. Rinde und Holz werden meist im Frühling gewonnen, wenn die Polyphenole am konzentriertesten sind, und sich die Rinde am leichtesten schälen lässt. Zehn bis 30 Jahre alt muss ein Baum werden, für eine genügend hohe Tannin-Konzentration.

Die Tannin-Quellen von Cervo Volante

Die wenigen Gerbereien die heute noch pflanzlich gerben sind von Extrakten einiger weniger Pflanzen abhängig, die noch kommerziell hergestellt werden. Die Wahl des Pflanzengerbstoffs hängt dabei vom Preis, der Tannin-Konzentration und der Farbgebung beim fertigen Leder ab. Umweltaspekte beeinflussen die Wahl jedoch kaum.

Bei Cervo Volante führen andere Kriterien zur Wahl eines Gerbstoffs: Die Ökologie hat Vorrang! Bevor wir eine Gerbstoff-Quelle auswählen, prüfen wir mögliche ökologische Beeinträchtigungen bei der Produktion. Wir wollen negative Einflüsse auf die lokale Flora, Bodenerosion oder die Invasion mit exotischen Pflanzenarten verhindern.

Die in der Lederindustrie am häufigsten verwendeten Tannin-reichen Pflanzen sind Quebracho (Schinopsis balansae, S. lorentzii) und Mimosa (Acacia mearnsii, A. decurrens, A. saligna etc.). Ledergerber haben heute fast nur noch mit diesen Pflanzen Erfahrung. Aus diesem Grund ist auch ein Teil des Leders von unserer ersten Schuhkollektion mit diesen beiden Pflanzen gegerbt. Obwohl Lederqualität und Farbe einwandfrei sind, werden wir in Zukunft keine dieser Pflanzen mehr zur Gerbung verwenden. Denn als Folge der Jahrhundertelangen intensiven Nutzung des Quebracho-Baumes in Argentinien ist heute der Grossteil der natürlichen Quebracho-Wälder verschwunden. Das wollen wir nicht unterstützen.

Valonea Pulver. Cervo Volante prüft laufend weitere Pflanzenextrakte, die unsere Kriterien erfüllen, und unseren Lederprodukten die Eigenschaften und Farben verleihen, die unsere Kunden suchen.

Die Nutzung von Mimosa-Extrakten zur Gerbung ist aus einem ganz anderen Grund für uns Tabu: Die meisten Mimosa-Arten die in der Gerberei verwendet werden, waren ursprünglich in Australien heimisch. Sie wurden in vielen Ländern für die Gerbstoffproduktion angepflanzt und haben sich dort sehr schnell auch ausserhalb der Plantagen ausgebreitet. Die Mimosas haben sich als invasive Pflanzenarten herausgestellt. Invasive Arten können Lebensräume massiv schädigen indem sie als Monokulturen die einheimische Biodiversität verdrängen oder Boden- und Wasserhaushalt verändern. Das wollen wir nicht unterstützen.

Für die Gerbung unserer Hirschleder verwenden wir deshalb nur Extrakte von erneuerbaren Pflanzenteilen wie Früchte oder Blätter, bei deren Sammlung der Baum weiterwachsen kann. Invasive Arten wie Mimosa verwenden wir nicht. Wenn immer möglich verwenden wir nur europäische Pflanzenarten. Dazu gehören der Sumach aus der Mittelmeerregion (Rhus coriaria), dessen heruntergefallene Blätter oder Triebe aufgrund ihres hohen Gallotanningehalts gesammelt werden. Oder die Valonea Eiche (Quercus macrolepis), dessen Eichel-Fruchtbecher viel Pyrogallol enthält und in der Türkei von Hand gesammelt wird. Zurzeit verwenden wir auch Tara (Caesalpinia spinosa), dessen Fruchtschoten aus Wildbeständen oder kleinen Anbauflächen in Peru von Hand geerntet werden.

Cervo Volante prüft laufend weitere Pflanzenextrakte, die unsere Kriterien erfüllen, und unseren Lederprodukten die Eigenschaften und Farben verleihen, die unsere Kunden suchen.

Müssten wir uns für eine Pflanze entscheiden, wäre es ganz klar die Eiche. Sie gab nicht nur den Tanninen ihren keltischen Namen, sondern bildet auch den Eichenwald den unser Logo-Hirschkäfer, der „Cervo Volante“ zum Leben benötigt!


Also published on Medium.