«Dem Hirsch gehts gut am Uetliberg»

Interview mit Stefan Dräyer, Wildhüter der Stadt Zürich im Gebiet Uetliberg–Entlisberg.

von Conny Thiel-Egenter

Wildhüter Stefan Dräyer mit seinem treuen Begleiter Ayco.

Viele Zürcherinnen und Zürcher wissen nicht dass es in Zürich wilde Hirsche gibt. Seit wann lebt der Rothirsch wieder in der Umgebung der grössten Schweizer Stadt?
Schon in den 1980er Jahren sind vereinzelt junge Hirschstiere am Albis und Uetliberg aufgetaucht. Angelockt vielleicht durch Rotwild im Wildpark Langenberg. Meinen ersten Rothirsch konnte ich 1996 am Uetliberg beobachten. Danach blieb es länger ruhig. Vor rund 15 Jahren habe ich erstmals Hirschkühe und -Kälber entdeckt,d.h. es begannen sich erste Rudel zu bilden. Heute nimmt der Bestand stetig zu, denn das Biotop ist optimal für das Rotwild.

Wie oft siehst du Hirsche in deinem Aufsichtsgebiet?
Ich nehme sehr häufig direkte oder indirekte Nachweise des heimlich lebenden Tieres wahr: Kleine Bodenverletzungen, abgebrochene Vogelbeer-Zweige, Kot, Trittsiegel oder Liegeplätze. Im Moment wird der Rothirsch in den umliegenden Jagdrevieren bejagt. Deshalb stehen nun vermehrt Hirsche bei mir im Wildschongebiet am Uetliberg.

Uetliberg und Albis sind keine reinen Wildnisgebiete sondern Ausflugsziel von Touristen und Naherholungsgebiet der Stadt. Wie vertragen sich hier Hirsch und Mensch?
Der Störungsdruck für das Wildtiere ist riesig. Es ist die Summe aller Aktivitäten von den vielen Menschen hier, die dem Hirsch zu schaffen macht. Zudem wird das Gebiet forstwirtschaftlich genutzt, und ist räumlich eingeengt durch die Stadt und die Autobahn. Sogar im Winter gibt es keine Ruhe für das Wild. Im vergangenen schneereichen Winter bewegten sich Skitourengänger und Schneeschuhwanderer am Uetliberg sowie Snowboarder in der Fallätsche.

Das Biotop am Uetliberg und Albis ist für Rotwild optimal.

Hat sich die Pandemie und ihre Folgen auch auf die Wildtiere ausgewirkt?
Ja ganz eindrücklich. Ich habe im letzten Jahr in meinem Aufsichtsgebiet schlichtweg keine Hirsche mehr beobachtet. Ich suche regelmässig in vertikalen Transekten nach Nachweisen, konnte aber 2020 weder Trittsiegel noch Losung oder Verbissspuren feststellen.

Was sind die Gründe?
Während dem Lockdown kamen viel mehr Menschen in den Wald am Uetliberg, auch solche, die sonst nie in der Natur sind. Ich musste viele Besucher über die Verhaltensregeln aufklären. Wie z.B. diese Grossfamilie, die im Naturschutzgebiet eine Feuerstelle einrichtete, um sich Tee zu kochen. Rotwild reagiert sehr sensibel auf Störung in seinem Lebensraum. Deshalb hat es wohl das Gebiet grossräumig verlassen, und ruhigere Einstände ausserhalb aufgesucht. Seit diesem Jahr sind die Hirsche wieder zurück.

Während dem Lockdown haben die Rothirsche den Uetliberg verlassen

Stefan Dräyer, Wildhüter der Stadt Zürich

Wie kann der Hirsch vor Störung geschützt werden?
Die wichtigste Massnahme zum Schutz des Rotwilds vor Störung ist die Kommunikation. Ich leiste viel Aufklärungsarbeit vor Ort. Lieber als Bussen ausstellen, rede ich mit den Menschen und erkläre, wie sie mit ihrem Verhalten Wildtiere schützen können. Oft bin ich aber schon etwas frustriert. Es gibt einfach zu viele widersprüchliche Interessen am Albis und Uetliberg: Erholungsnutzung, Holznutzung, Waldschutz, Naturschutz, Wildtierschutz. Für jedes dieser Interessen wird z.B. im Waldentwicklungsplan ein Gebiet ausgeschieden. Weil die Natur und das Rotwild jedoch keine Grenzen kennen, entstehen Nutzungskonflikte.

Der Uetliberg beherbergt den grössten Eiben-Bestand in Mitteleuropa. Die Stadt Zürich schützt diesen Bestand und nutzt ihn als grösste Eibenholzlieferantin der Schweiz. Wie verträgt sich dies mit dem Hirsch, welcher Eiben ebenfalls liebt?
Tatsächlich kann durch das Schälen des Hirsches selbst eine grosse Eibe eingehen. Wenn die Naturverjüngung gehemmt wird, ist hingegen nicht allein der Hirsch schuld. Mangelndes Licht, Pilzbefall, Mäusefrass oder knabbernde Rehe können ebenso Gründe sein. Junge Eiben werden deshalb mit Einzelschutz geschützt. In meinem Aufsichtsgebiet verursacht Rotwild keine grösseren Probleme. Aber der Hirsch entzweit halt die Gemüter. So ist er unbeliebt beim Forst, aber der Stolz jener Zürcherinnen und Zürcher, die um die Anwesenheit dieses heimlichen Wildtiers an ihrem Hausberg wissen.

Rothirsche schälen Eiben am Albis/Uetliberg, Zürich

Wird der Hirsch im Stadtgebiet bejagt?
Grundsätzlich ist mein Aufsichtsgebiet ein Wildschonrevier, und es gibt keine öffentliche Jagd. Als Wildhüter gehört es zu meinen Aufgaben kranke, verletzte Tiere zu schiessen und den Bestand auf ein für den Wald tragbares Niveau zu regulieren. Daher erlege ich jährlich rund 50 Rehe. Beim Rotwild sind die Waldschäden zurzeit nicht gross, und ich muss nur ganz vereinzelt Hirsche schiessen.

Kannst du dir vorstellen, Hirschhäute an Cervo Volante zu liefern?
Ja das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Möglichst viel vom erlegten Wild zu verwenden ist für mich wichtig, und zeugt von Respekt gegenüber der Kreatur. So liefere ich z.B. Reh-Zungen als Delikatesse an ein Restaurant, oder Rehfelle für Reitsportler.

Wildhüter stellt man sich eigentlich in abgelegenen Gebirgstälern vor. Du arbeitest quasi in der Grossstadt. Was fasziniert dich an deinem Beruf?
Die krassen Gegensätze. Da stehe ich mit meinen steigeisenfesten Bergschuhen im Steilhang der Fallätsche am Uetliberg, umgeben von seltenen Waldgesellschaften und Frauenschuh-Orchideen und suche nach Wild-Spuren. Gut möglich, dass ich 30 Minuten später ich Lift eines Hochhauses in der Stadt stehe, um mit besorgten Firmenverantwortlichen über den „störenden“ Fuchs in ihrem Gebäude zu sprechen. 

Aus der Ost- und Innerschweiz sind Rothirsche über die Albiskette bis ins Zürcher Stadtgebiet wieder eingewandert.

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Stefan Dräyer ist seit 27 Jahren professioneller Wildhüter bei Grün Stadt Zürich und für das rund 3‘300 ha grosse Gebiet Uetliberg – Entlisberg an der Albiskette zuständig. Diesen seltenen Beruf sieht er als Berufung und übt ihn mit Herzblut, Beobachtergeist und viel Gespür für die Welt der Wildtiere aus.

Über die Wildhut der Stadt Zürich:
Die Stadt Zürich ist ein Wildschonrevier, die Jagd also grundsätzlich verboten. Vier professionelle Wildhüter kümmern sich um alle Fragen rund um Wildtiere, Vögel, Wildschäden und Wildunfälle. Die Wildhut gehört zu Grün Stadt Zürich, eine Dienstabteilung des Tiefbau- und Entsorgungsdepartements.
Mehr Infos

Bilder: Hirsche: Adobe Stock und Fabian Riedi, Naturvision; Uetliberg: Adobe Stock

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